Leserbrief von Froben Schultz

Meiner Meinung ist auf das Flugzeugunglück von Smolensk, bei dem viele Persönlichkeiten der polnischen Zeitgeschcihte (z.B. Anna Walentynowicz) umkamen und die darauffolgende Trauerwoche nur unzureichend eingegangen worden. In Deutschland konnte man eindeutig mit dieser Art von Trauer nichts anfangen und man war dankbar als die großen deutschen Zeitungen dem verwunderten Publikum durch polnische Intellektuelle wie Adam Krzeminski, Andrej Stasiuk und Olga Tokarczuk uns diese Welt erklärten. Es war ihrer Meinung alles dem romantisch-patriotischen Impulsen und einem "Opferrollenselbstverständtnis" geschuldet, im übrigen das Ganze von konservativen Medien missbraucht. Somit konnte der Deutsche Leser das in eine seiner beliebten Schubladen einordnen. Auch Zdzislaw Najder im "Dialog" geht in seinem ohne Zweifel sehr guten und interessanten Artikel in diese Richtung. Bei aller Wertschätzung der oben Genannten, wird dies dem Thema doch nicht in allem gerecht. Ich war die zweite Hälfte dieser Trauerwoche in Polen und hatte andere Empfindungen.
Olga Tokarczuk meinte, es gäbe viele, die so denken wie sie. Das ist sicher richtig und entspricht pluralistischen Gesellschaften. Aber es gab auch viele andere. Ich weiß von vielen, die in dieser Woche emotional ganz bei dieser Trauer waren (auch um den verstorbenen Präsidenten) und später Komorowski gewählt haben. Auch wenn manche konservativen polnischen Zeitungen ihr eigenes Süppchen kochten, so fanden die Menschen ihre eigenen Wege damit umzugehen. Wir hatten bei uns im Krakauer Haus in Nürnberg eine Veranstaltung bei der ein Teilnehmer meinte, er lebe schon lange in Deutschland und er sehe das Wirken der Brüder Kaczynski sehr kritisch, aber er glaube das die allgemeine Trauer echt und authentisch sei, vor allem weil die zu beklagenden Toten "Frauen und Männer des Volkes" gewesen, keiner privilegierten politischen oder gesellschaftlichen Klasse angehörig. Ich denke damit trifft er den Kern- es waren Politiker und Würdenträger die alle dem freien Polen und seiner demokratischen Prozesse entstammten. Hier musste auch keine Trauer verordnet werden für Leute die Polen vorgesetzt wurden, sondern die aus ihm selbst kamen.
Ich habe im übrigen vieles der Berichterstattung (in Polen) in dieser Trauerwoche als sehr würdig und der Sache angemessen empfunden. Die kleinen Portraits über einzelne Tote im Fernsehen, die Fahnen an den Häusern, die Bildtafeln auf den Marktplätzen, die niemand einzeln hervorhoben. Dann die große Trauerfeier für alle Opfer am Tag vor der Beisetzung des Präsidenten. Hier war mir besonders eindrücklich in Erinnerung die Worte und das Auftreten der evangelisch-augsburgischen Würdenträger.
Es gab so viele kleine Gesten, wie z.B. die, dass die "Rzeczpospolita" bei den regelmäßig veröffentlichten Umfragewerten der Präsidentschaftskandidaten im Internet unter den Ergebnissen der Kandidaten immer die zwei schwarzumrandeten Fotos von Jerzy Szmajdzinski (der abgestürzte eigentliche Kandidat der Linken) und Lech Kaczynski, beide gleich groß abgebildet wurden. Auch das gehörte zum Bild der Medien, dass bei uns nicht denkbar wäre.
Trauerrituale sind so alt wie die Menschheit und wir sollten es bedauern das in Deutschland diese Art von Trauer verloren gegangen ist. Man nehme nur verschiedene Aspekte wie mit dem Unglück von Duisburg umgegangen wurde und wie die Medien hier zum Teil pietätlos berichtet haben.
Unabhängig wie der aktuelle Streit um das "helle Kreuz" vor dem Präsidentenpalast ausgeht oder was die Unfall-Untersuchungen zutage bringen, diese Trauerwoche sollte als großes gemeinsames Erlebnis wahrgenommen werden und so gewürdigt werden. Viele Russen (im Gegensatz zu uns Deutschen) haben es mitempfunden. Der Publizist W.Kostikow schrieb in "Argumenty i Fakty":
Es herrschte Verwunderung über dieses Maß an Solidarität, das die polnische Gesellschaft im Angesicht der Tragödie demonstrierte. Wir haben eine Reife der polnischen Gesellschaft gesehen, von der wir hinter dem Schleier alter Streitigkeiten keine Ahnung gehabt haben."

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