Antwort von Joachim Trenkner auf den Leserbrief von Birk Engmann

Es freut mich besonders, dass ein Leipziger auf meinen Text "Glücksfall der deutschen Geschichte" in dem deutsch-polnischen Magazin DIALOG reagiert hat. Ich denke oft und gern an meine Leipziger Studienjahre (1954 bis 1959) zurück. Auch die unverblümte Heftigkeit ihrer Reaktion hat mich gefreut. Ich muss offenbar einen Nerv getroffen haben. Allerdings halte ich Ihre Erregtheit für wenig begründet. Lassen Sie mich deshalb auf ein paar wenige Punkte eingehen. Sie unterstellen mir, dass "Deutsch ist, was im westdeutschen Teilstaat … passierte …". In keiner Zeile des Textes war davon die Rede. Ich hielt die DDR, die Ostdeutschen teilweise für viel deutscher, alt-deutscher als die Westdeutschen. Nur: der Geltungsbereich des Grundgesetzes erstreckte sich nun einmal - leider - nicht auf das Gebiet der DDR, jedenfalls nicht in den ersten 40 Jahren seiner Gültigkeit. Was im zweiten deutschen Staat geschah war deshalb nicht mein Thema.
Die "Menschen in Ost und West" haben sich übrigens nicht erst seit den Leipziger Montagsdemonstrationen nach der deutschen Einheit gesehnt. Das war auch schon früher so.
Die "personell unbewältigte Nazivergangenheit" hat mich übrigens nicht daran gehindert, gleich nach dem Studium in den "Geltungsbereich des Grundgesetzes" zu wechseln - wie über drei Millionen Menschen mit mir. Bereut habe ich diesen Schritt in keiner Sekunde.
Und was die alten Nazis anbelangt: Die gab es in der Regierungsstruktur der DDR in gleichem Masse. Wer hat die NVA aufgebaut? Nazioffiziere. Wer hat eigens eine Partei, die NDPD, gegründet, um alte Nazis aufzufangen und zu kontrollieren? Die DDR.
Nein, verehrter Leipziger, die braune Sauce, die war nicht westdeutsch, die war absolut gesamtdeutsch. Sie fragen außerdem "Verhinderte Adenauers strikter Westkurs möglicherweise eine Einheit nach österreichischem Modell?" Ganz klar: Ja, Gott sei Dank!
Und dies noch: Die Glorifizierung der Leipziger Demonstranten gehört doch zur ostdeutschen Legendenbildung. In Wahrheit waren es doch Revoluzzer der letzten Stunde. Das berühmte Transparent von Demonstranten auf dem Prager Wenzelsplatz im Herbst 1989 trifft die damalige Entwicklung wahrhaftiger: "Polen 10 Jahre, Ungarn 10 Monate, DDR 10 Wochen, CSSR 10 Tage". All die anderen derzeitigen Scheindebatten - neue Verfassung, Verlängerung der Deutschen Hymne um einen Vers der DDR-Hymne - werden keinen Bestand haben.
Sie und ich sind - wie Sie gemerkt haben - völlig unterschiedlicher Meinung. Schön, dass dies möglich ist unter dem Dach des 60-jährigen Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Finden Sie nicht auch?

Joachim Trenkner

  • Seite bei Twitter teilen
  • Seite bei Facebook teilen
  • Seite bei StudiVZ teilen
  • Seite bei MySpace teilen
  • Seite bei Mister Wong bookmarken
  • Seite bei del.icio.us bookmarken
  • Seite bei Google bookmarken
  • Seite bei Live bookmarken
  • Seite bei YahooMyWeb bookmarken
Neu auf der Seite
Regionale Gesellschaften