Auszüge aus einem Leserbrief von Dr. Birk Engmann aus Leipzig zum Artikel "Glücksfall in der deutschen Geschichte" von Joachim Trenkner; Dialog Nr.87/2009
Der Leitartikel von Joachim Trenkner "Glücksfall in der deutschen Geschichte" ist exemplarisch und empörend zugleich. Exemplarisch, weil sich hier der Alleinvertretungsanspruch der alten Bundesrepublik, der gegenwärtig die Medien unisono beherrscht, offenbart. Deutsch ist, was im westdeutschen Teilstaat, der ja noch eher als die DDR gegründet wurde, passierte, während der Osten allenfalls zur vorübergehend sowjetisch besetzten Enklave verkommt. Deutschland liegt im Westen. Was soll der ahistorische Unsinn in den heutigen Medien, die Geschichte vor dem 3. Oktober 1990 neu zu definieren und aus zwei von der UNO anerkannten deutschen Teilstaaten irgendein Deutschland zu konstruieren?
Damals haben sich die Menschen in Ost und West nach einer Wiederherstellung der deutschen Einheit gesehnt, und den Begriff Deutschland verdeutlichte einst sehr prägnant ein Plakat auf der Leipziger Montagsdemonstration: BRDDR. Warum jetzt diese Umdeutung der Geschichte aus der Antizipation der 1989er Ereignisse heraus? Wurde Deutschland 1954 Weltmeister, hatte Deutschland ein Wirtschaftswunder? (…)
Empörend ist der Artikel, weil er in platter Lobhudelei mit "sauberen und überschaubaren Kurven" zu einer kritiklosen Banalität verkommt. Wo bleibt die kritische Sicht auf die westdeutsche Nachkriegsgeschichte, auf die personell unbewältigte Nazi-Vergangenheit? Über 80 Prozent der bundesdeutschen Justizbeamten waren zuvor dem NS-Regime dienlich. (…)
Verhinderte Adenauers strikter Westkurs möglicherweise eine Einheit nach österreichischem Modell - in Neutralität? Wo war das Nein zur Stationierung von Atomraketen auf westdeutschem Gebiet in den 1980er Jahren? Musste erst ein Barack Obama dreißig Jahre später kommen, um den Wunsch nach einer atomwaffenfreien Welt zu formulieren? Kritik? Nichts dergleichen wird in dem Artikel von Joachim Trenkner beleuchtet. Er fasst zu kurz, die Wertschätzung eines Gesellschaftsmodells auf ihre ökonomischen Erfolge reduzierend. (…)
Auch in der Analyse der Wende in der DDR greift Trenkner zur kurz. Entscheidend war nicht, dass "selbst die Sowjetpanzer … in den Depots blieben." Der Umkehrschluss ist richtig. Erst der Reformkurs von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion nahm den DDR-Machthabern ihren Rückhalt und verbreitete Mut und Zuversicht. Es war nicht ein Ronald Reagan, der mit seinen verbrecherischen SDI-Spielereien die Welt an den Rand eines dritten Weltkrieges brachte, es war kein Helmut Kohl, der zwar die Gunst der Stunde in verdienstvoller Weise für die Einheit nutzte; - im Herbst 1989 waren es die 70.000 friedlichen Demonstranten in Leipzig, die durch ihren Mut die erste deutsche Demokratie, die aus einer geglückten und vollkommen friedlichen Revolution hervorging, schufen! Das war der "Urknall". Und der war am 9. Oktober 1989. Sind die Mutigen je belohnt worden? Haben sich nicht stattdessen die alten Eliten wie stets in der deutsch-deutschen Geschichte reingewaschen und angepasst - die alten Nazi-Größen in der westdeutschen Nachkriegszeit wie die schmierigen Stasispitzel und SED-Kader mit ihren Blockflöten als Erfolgmodell des anpassungsfähigen Ossis?
Auch die Sicht des Autors auf die Zeit nach der Wiedervereinigung ähnelt allzu sehr dem altbekannten Schema schwarz und weiß: Das "gewaltige Aufbauwerk", das dem undankbaren, ewig skeptischen "Homo sowjeticus" zuteil wurde! Grenzt das nicht an Beleidigung für Menschen, die einst Basisdemokratie lebten, einst runde Tische etablierten? (…)
Problematisch ist, dass es auch im Jahr 20 der Wiedervereinigung schwierig ist, unvoreingenommen über deutsche Geschichte zu diskutieren und historische Tatsachen zu akzeptieren, anstatt sie zu verwässern oder gar umzudeuten. Was soll es, die Existenz zweier deutscher Staaten und damit vor allem die DDR nachträglich ungeschehen machen zu wollen? Identität ist nicht eine Frage, unter welchen Verhältnissen man in einem Land lebt, frei oder reglementiert, mit vollen Schaufenstern oder leeren. Identität ist stets ein Stück Biografie, egal ob sie schmerzliche oder angenehme Erinnerungen aufweist. (…)
Dass die "Ossi-Wessi-Gegensätze" einst verschwinden - hierin mag der Autor recht haben. Längst hat der Alleinvertretungsanspruch der alten Bundesrepublik Eingang in die Gazetten, Geschichtsbücher und den Alltag gefunden. Vorwärts zum 60. Jahrestag!
Dr. Birk Engmann, Leipzig



