Editorial DIALOG 91

10.04.2010: Editorial

In einem vor fünf Jahren im DIALOG veröffentlichten Gespräch charakterisierte der Historiker Karl Schlögel die EU-Osterweiterung als eine Erweiterung der kulturellen Horizonte der Europäer. In der alten EU sei angekommen, dass die ostmitteleuropäischen Staaten ein Teil Europas sind, was bislang nicht selbstverständlich gewesen sei. Das bedeute aber nicht, so Schlögel, dass die Asymmetrie der Wahrnehmung vollständig beseitigt sei, denn die Teilung des Kontinents sei eine gravierende Erfahrung gewesen. Obwohl sich Schlögel des negativen Erbes der Teilung Europas bewusst war, zeigte er sich in dem Interview optimistisch und überzeugt darüber, dass ein neuer Wahrnehmungshorizont im Entstehen sei. Der von Schlögel geforderten kulturellen Horizonterweiterung wollen wir in der neuen Nummer unseres Magazins nachgehen. In der vorliegenden Ausgabe des DIALOG wollen wir mit Essays renommierter Autoren aus Deutschland, Polen, Italien und Österreich den mitteleuropäischen Kulturraum erkunden. Folgende Fragen ziehen sich durch die von uns präsentierten Texte: Wie hat sich in den letzten Jahren der mitteleuropäische Kulturraum verändert? Konnten die alten inneren Grenzen Europas überwunden werden? Haben wir unsere kulturellen Horizonte erweitert? Ist es uns gelungen, die Last des schwierigen Erbes der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts abzulegen? Schafft die nach 1989 entstandene kulturelle Atmosphäre in Deutschland, Polen und anderen Staaten Mitteleuropas das Gefühl der Nähe zum Nachbarn oder unterstützt sie eher nationalistische, feindliche Einstellungen?

Basil Kerski

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