Aus der Redaktion
01.08.2009: Editorial
Wenn sich Europäer an die Revolutionen des Jahres 1989 erinnern, dann denken die meisten vor allem an den Fall der Berliner Mauer. Der 9. November 1989 weckt auch in Polen positive Assoziationen, doch viele Polen fragen sich, ob Deutsche und andere Europäer heute wissen, welche wichtige Rolle die Freiheitsbewegung der "Solidarność" beim Zusammenbruch des Sowjetblocks gespielt hat: "Erinnern sich Deutsche und andere Europäer noch daran, wie sehr der Erfolg Lech Wałęsas und seiner Mitstreiter die Gegner des SED-Regimes im Herbst 1989 zum Handeln ermutigt hat?" Viele Polen befürchten, dass die Bilder vom spektakulären Fall der Berliner Mauer die Erinnerung an die "Solidarność" verdrängen. Der polnische Weg in die Demokratie lässt sich schwer auf ein symbolisches Ereignis reduzieren. Die polnische Revolution war kein schneller Durchbruch. Die Solidarność-Bewegung kämpfte fast ein Jahrzehnt für die Freiheit, unterstreicht der polnische Historiker Andrzej Friszke im neuen DIALOG. Die halbfreien Parlamentswahlen im Juni 1989 markierten den Durchbruch des von der "Solidarność" seit 1980 friedlich angestrebten Demokratisierungsprozesses. Die antikommunistische Revolution war in Polen ein langer Prozess von Fort- und Rückschritten, sie verlief in einer Atmosphäre ökonomischer und sozialer Krisen, es war kein kurzer Karneval der Demokratie. Die Solidarność-Bewegung konnte zwar mit den Sympathien vieler Menschen in Europa rechnen, doch wie sich Helmut Schmidt und Rita Süssmuth im DIALOG erinnern, traute man ihr im Westen nicht zu, dass sie ihre politischen Ziele mit Weitsicht und friedlichen Mitteln erreichen würde. Rita Süssmuth und Lech Wałęsa weisen im vorliegenden DIALOG auf die Aktualität des Erbes von 1989 hin. Die Erfahrungen der Bewegung würden auch heutigen demokratischen Gesellschaften, so Wałęsa und Süssmuth, Orientierung bieten: Noch heute sei Freiheit ohne die Idee gesellschaftlicher Solidarität nicht gesichert; der Mensch solle immer im Mittelpunkt politischer und ökonomischer Entscheidungen stehen. Und noch an eine weitere "Solidarność"-Lektion von großer Aktualität erinnert Rita Süssmuth im DIALOG: Die politische Bedeutung diejenigen, die heute ohne Macht sind, dürfe nicht unterschätzt werden. Demokratien seien schlecht beraten, wenn sie sich auf der internationalen Bühne nur an den Interessen denjenigen orientieren, die heute regieren.




