Mit doppelter Freude habe ich die Nachricht aufgenommen, dass die Stiftung „Pogranicze“ diesjähriger Träger des DIALOG-Preises geworden ist. Erstens habe ich mich gefreut, dass sich gerade heute in einem Europa, in dem sich das große Wertependel in beschleunigtem Tempo zwischen den beiden Polen Globalisierung und Renationalisierung bewegt, ein Platz für die Auszeichnung alternativen Denkens gefunden hat, das weit über die gefährliche Wahl – entweder eine unideologische Welt des Konsums oder eine ideologische Verwurzelung im ethnischen Nationalismus – hinaus geht. Zweitens war ich sehr froh darüber, dass gerade mir die Ehre zugefallen ist, Ihnen zu erzählen, worauf das Phänomen Pogranicze (Grenzland) beruht. Ich kenne Pogranicze seit Jahren, arbeite mit ihnen zusammen und bewundere sie, aber über die Menschen von Pogranicze zu schreiben, ist eine Herausforderung völlig anderer Art, die mir die Freude gibt, mich symbolisch an ihrem außergewöhnlichen Projekt zu beteiligen. Eine zusätzliche Freude verleiht die Stadt, in der die heutige Feier stattfindet – Berlin. Mit Krzysztof Czyżewski, dem Begründer von Pogranicze, habe ich mich Dutzende Male getroffen, aber nie (!) hatten wir die Gelegenheit zu einem langen Gespräch. Das hat erst Berlin möglich gemacht, wo wir uns im Mai 2006 zwei Tage lang unterhalten haben, wie wir die Welt verbessern können. Dabei haben wir die besondere Atmosphäre der multikulturellen Spreemetropole erlebt und beobachtet. Meine Erzählung über das Phänomen Pogranicze setzt sich aus drei Aufzügen zusammen.
Erster Aufzug: Ort
Einmal lud mich Bożena Szroeder, die zweite führende Figur von Pogranicze, nach Sejny ein. Es war Winter. Sie nannte mir einen Weg mit Abkürzungen! Dreihundertdreißig Kilometer fuhr ich in sechseinhalb Stunden und brach bei dieser Gelegenheit die Verkehrsregeln, um pünktlich zum Gespräch da zu sein. Die Natur machte mir schließlich einen Strich durch die Rechnung. Wegen Schneeverwehungen konnte ich die letzten 30 Kilometer nur Tempo 30 fahren. So sieht ungefähr die geographische Lage von Sejny in Prosa geschrieben aus. Aber von Berlin aus kann man nach Sejny auch fliegen … über Wilna oder Kaunas. Und an dieser Stelle beginnt der wirkliche Sinn zum Verständnis der polnisch-litauischen Grenzstadt Sejny. Ohne Sejny kann man die ganze „Grenzraumphilosophie“ nicht verstehen, die seit über 15 Jahren Małgorzata und Krzysztof Czyżewski, Bożena und Wojciech Szroeder sowie der ganze um sie herum versammelte Kreis in der Praxis betreiben.
Ihre Reise auf der Suche nach einem Ort war ein Versuch der Umsetzung des großen Mythos der „Morgenlandfahrt“ von Hermann Hesse. „Wie viele andere unserer Traumabenteuer“, schrieb Czyżewski, „war sie der Beginn einer träumerischen Herausforderung, die wir in der Realität bewältigen wollten.“ Um die Jahreswende 1989/1990 brachen sie mit der kulturell-politischen Aktivität im „Untergrund“ (in der Volksrepublik Polen war alles politisch, auch Theater und Kultur) und suchten neue Formen der Selbstverwirklichung in der Kultur. Sie suchten einen Ort auf der Kreuzung von Zivilisation und Kultur. Ein eben solcher Ort ist Sejny, ein Städtchen mit fünftausend Einwohnern, mit Spuren polnischer, litauischer, jüdischer, deutscher Kultur und in nicht allzu großer Entfernung an Einflüsse der weißrussischen und ukrainischen orthodoxen Kultur sowie an islamische Einflüsse der polnischen Tataren grenzend. Sie fanden sich an einem Ort, an dem fortwährend nach Identität, Verwurzelung, nationalen und religiösen Konflikten gefragt wird. Aus dieser Begegnung mit dem „Anderen“ und der Vielfältigkeit entstand der Name Pogranicze, der in seiner mannigfachen, symbolischen Bedeutung kein Pendant im Deutschen hat (so wie es für Heimat kein Äquivalent im Polnischen gibt). In der Konfrontation mit einer solchen Realität bildete sich das Ethos von Pogranicze heraus. Die Leute, die es vertreten, sind Brückenbauer. Es sind diejenigen, die in den multikulturellen Gesellschaften den Dialog anbahnen: „Und auch wenn man nicht zu einer bestimmten Kultur und Nationalität gehört, findet man die volle Identität in der Mehrstimmigkeit und Vielfalt, die Opfer und Kompromisse verlangt“ (Krzysztof Czyżewski).
Dank einem solchen Verständnis von Grenzraum haben Krzysztof Czyżewski und sein Freundeskreis damit begonnen, immer weitere Räume Europas schöpferisch zu entdecken und zu dechiffrieren. Zentraler Bezugspunkt wurde Ostmitteleuropa. Sie definierten es, indem sie sich auf das multikulturelle Erbe der Polnisch-Litauischen Rzeczpospolita beriefen, vor allem aber durch die eigenen Erfahrungen auf dem Balkan, im ehemaligen Jugoslawien. Die Kriegserfahrungen in Bosnien, die Tragödie von Srebrenica, das Werk von Danilo Kiš, schufen ein neues Verständnis dieses Teils Europas. Ich glaube, dass sie seit der Zeit von Milan Kunderas berühmten Essay über die Tragödie Mitteleuropas (1983) die interessanteste, innovativste Interpretation einer „praktischen Philosophie“ Ostmitteleuropas verfasst haben. Heute tragen sie ihre Erfahrungen mit Erfolg weiter nach Osten von Weißrussland bis nach Kasachstan, indem sie einen Metaort unter dem Namen Pogranicze bilden.
Zweiter Aufzug: Werte
Ich berufe mich nur auf einen Begriff, der eine zentrale Achse des Erzählens von der Realität unserer heutigen Preisträger darstellt: ERINNERUNG. Was für eine Erinnerung, an was soll man in einer Welt erinnern, die auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges entstanden ist, in einer Welt „nach Auschwitz“ und „nach dem Gulag“? Einer Welt, in der sich miteinander konkurrierende Erinnerungen gegenüberstehen? Krzysztof Czyżewski erinnert in diesem Falle an eine inspirierende Metapher Paul Celans. Er bezieht sich auf die „U-topie“. Sie ist ein Ort, den man nicht besitzt, aber nach dem man strebt. „Ich glaube nicht an eine realisierte Utopie“, sagte er in einem Interview, „aber ich glaube an den Sinn, nach ihr zu streben.“ Zu dieser Utopie wurde in der praktischen Arbeit von Pogranicze die Polyphonie der Erinnerung. Das ist keine nur poetisch klingende, iim Inneren aber leere Formulierung. Polyphonie der Erinnerung bedeutet nicht, man soll die „schlechten Erfahrungen“, Hass und persönliche Dramen vergessen, vielmehr müsse man in sich diese „schlechte Erinnerung“ gemeinsam mit der Verzeihung, dem Kompromiss und der Offenheit unterbringen. Wie? Durch ständigen Dialog und das Entdecken bewusst vergessener Orte. Gestatten Sie, dass ich hier wieder Czyżewski zitiere: „Allgemein nimmt man an, dass die Erinnerung trennt. Daher rührt die in der heutigen Welt so starke Tendenz zum Vergessen als einer Möglichkeit, Probleme zu lösen. So reden Menschen, die glauben, dass sich anders nichts Gutes aus Ostmitteleuropa machen lässt. Europa, der Kontinent, der in diesem Jahrhundert die größten Verbrechen des Völkermordes erfahren hat, scheint mit der Erinnerung überhaupt nicht zurecht zu kommen. Also tauchen verschiedenartige Prothesen und Fluchtversuche auf. Aber das bedeutet, dass man den Kopf in den Sand steckt. Die Erinnerung muss man entgiften, auch wenn das gewöhnlich sehr schwer ist. Oftmals höre ich, an der kürzlichen Tragödie im ehemaligen Jugoslawien sei die Erinnerung, das ständige Heraufbeschwören der Traumata aus der Vergangenheit schuld. Vielleicht war es aber doch eher das in Szene gesetzte Vergessen? Ganze Jahrzehnte des Belügens der Erinnerung, der Versuche, sie durch eine aufgezwungene Ideologie der Brüderlichkeit zu verwischen, sie in eine Sphäre des dunklen Tabus abzudrängen. Wenn man die ganzen Jahre lang versucht hätte, es mit der Erinnerung aufzunehmen, ihr eine Öffnung zu geben, auch wenn sie angeblich die Menschen entzweit … vielleicht wäre sie dann nicht so gewaltsam und zerstörerisch in ihrer unterdrückten Kraft zurückgekehrt.“
Leider – so möchte ich hinzufügen – betrifft solch ein künstliches Tabuisieren und das später folgende konjunkturelle Enttabuisieren auch die demokratischen Gesellschaften.
Man muss auch die „gute“, aber vergessene Erinnerung suchen. Sejny besitzt auch eine solche. Auf sie bezieht sich die Geschichte davon, wie die dortige Synagoge gebaut worden ist. Den Juden halfen dabei die ortsansässigen Dominikaner, denn diese glaubten, das sei gut für die Entwicklung des Städtchens und so kam es tatsächlich. Es hat sich eine Beschreibung erhalten, wie die Thora in das neue Gebäude hineingetragen wurde. Ein Rabbiner und ein katholischer Priester trugen sie gemeinsam. Auch das ist die Erinnerung von Sejny, die gute. Man muss nur dabei helfen, dass sie sichtbar wird, ans Tageslicht kommt.
Dritter Aufzug: Menschen
Dieser Aufzug besteht aus drei Kreisen. Der erste davon ist bekannt: die erwähnten Begründer der „Stiftung Pogranicze“ und des „Zentrums Pogranicze“. Sie bilden den harten Kern aller Aktivitäten seit 16 Jahren, verleihen ihnen Dynamik und Frische. Von Anfang an begleitete sie jedoch das Bewusstsein, dass sie nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum funktionieren können. Die Jugendlichen und die alten Einwohner des Städtchens Sejny bilden den natürlichen zweiten Kreis, der der Existenz von Pogranicze einen wesentlichen Sinn verleiht. Durch die Anstrengungen der gesamten Gemeinschaft schuf man die erste Ausstellung „Unser altes, gutes Sejny“. Jeder konnte sich selbst in ihr wiederfinden, ein Fragment der eigenen, aber auch der „anderen“ Tradition, die man im Alltag häufig vergessen hatte. Mit den Jugendlichen schuf man eine „Schule des Grenzraums“ und erreichte damit etwas Erstaunliches: junge Leute kehren häufig dorthin zurück, wo sich für den normalen Menschen „Fuchs und Hase gute Nacht sagen“. Sie kehren nach dem Studium in den großen Städten zurück, um eigene Projekte zu verwirklichen, um durch ihre eigenen Erfahrungen die ständig lebendige Formel ihrer früheren Lehrmeister zu bereichern. Auf diese Weise setzt dieser zweite Kreis das Ethos vom Grenzraum auf natürliche Weise fort und propagiert es nach außen. Der dritte Kreis entscheidet darüber, dass Pogranicze heute ein sichtbarer Punkt auf der kulturellen Landkarte nicht nur Europas ist: von Estland bis Bosnien, von New York bis Kasachstan. Diesen dritten Kreis würde ich künstlerisch-intellektuell nennen. Den zentralen Platz nehmen hier zwei Gestalten ein, die auf entscheidende Weise auf die ideelle Konstruktion von Pogranicze Einfluss genommen haben: Czesław Miłosz und Jerzy Giedroyc. Die beiden waren es, die Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts den jungen Leuten Mut machten, weitab von den kulturellen Strömungen eine neue Qualität in der Kultur zu schaffen. Dieser Kreis erweitert sich rasch. Es formten ihn: Andrzej Wajda, Andrzej Strumiłło, Jerzy Ficowski, Bohdan Osadczuk, Tomas Venclova, Shevah Weiss, Jan Tomasz Gross, um nur bei den Symbolfiguren zu bleiben, die den geistigen Mikrokosmos von Pogranicze deutlich prägen.
Und was resultiert daraus?
Heute, hier in Berlin, lohnt es sich zum Schluss Folgendes zu fragen: Was ist Pogranicze im Kontext der polnisch-deutschen Beziehungen? Womit kann es sie heute bereichern? Für mich ist die Antwort auf diese Fragen einfach und äußerst optimistisch. Die Verleihung des diesjährigen Preises des Bundesverbandes der Deutsch-Polnischen Gesellschaften ist meiner Meinung nach auf doppelte Weise ein sichtbares Zeichen: erstens, weil wir, wenn wir die Entwicklung gegenseitiger partnerschaftlicher Kontakte zwischen Polen und Deutschen brauchen, den breiteren europäischen Kontext nicht vergessen dürfen, in dem sie stattfinden. Vor allem dürfen wir unsere Partner östlich und südlich der heutigen Grenze der Europäischen Union nicht vergessen; zweitens, weil die heutige Preisverleihung eine Anerkennung für die gemeinsamen Werte ist, die heute besonderer Fürsorge und Unterstützung bedürfen.
So verstehe ich die Überreichung des DIALOG-Preises 2006 und denke, dass die Jury keine bessere Wahl hätte treffen können! Ich gratuliere der Jury zu ihrer Entscheidung und gratuliere noch einmal der Stiftung „Pogranicze“ aus Sejny.
Aus dem Polnischen von Markus Krzoska
Robert Traba ist Professor für Geschichte, Direktor des Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin, Chefredakteur der Zeitschrift „Borussia“.