

Ich gehöre einer
Generation an, für die in den Zeiten des Kalten Krieges Europa ein Traum war,
der polnische Traum von Freiheit und Demokratie. Nach 1989 wurde Europa zur
Herausforderung. Unser Ziel war nämlich die Einbeziehung Polens in die
Gemeinschaft der Staaten, die wir Europäische Union nennen.
Donald Tusk
Europa als Herausforderung
Diese Herausforderung hatte zweierlei
Charakter. Die äußere Dimension war verbunden mit dem strategischen Ziel der
unabhängigen polnischen Politik, dem Beitritt Polens zur Europäischen Union.
Die Verwirklichung dieses Zieles bedeutete für uns nicht so sehr den „Raub der
Europa“, als vielmehr das Verankern unseres Landes in der Gemeinschaft der Staaten,
die 50 Jahre zuvor die Römischen Verträge unterzeichnet hatten. Für uns war das
ein politischer Akt: die natürliche Konsequenz des „Völkerherbstes“ von 1989,
eine Rückkehr zur Normalität, die Wiederherstellung der Ordnung, die –
symbolisch gesprochen – am 23. August 1939 (durch den Ribbentrop-Molotow-Pakt)
und am 10. Februar 1945 (durch die Konferenz von Jalta) zerstört worden war.
Indessen war Europa beinahe erschrocken von Umfang und Tiefe der Veränderungen
jenes „Herbstes“. Rückblickend denke ich nicht ohne Bitterkeit an die
Schwierigkeiten, die sich vor uns auftürmten. In der ersten Hälfte der 1990er
Jahre wollte sich Europa nicht bei der Verwirklichung der Ideale der
Gründerväter der Europäischen Gemeinschaften engagieren. Es wollte nicht über Assoziierungsverträge
hinausgehen, und im Bereich der Sicherheit nicht über die „Partnerschaft für
den Frieden“. Es fand wohl, die angebotenen Hilfsinstrumente seien ausreichend,
die Kandidaten für eine Mitgliedschaft in der Union zu schwach vorbereitet, ihr
rascher Beitritt könne zudem ungemein kostspielig sein. Außerdem hatte man
Angst vor der Reaktion Russlands.
Es ist uns gelungen, all diese mehr oder
weniger begründeten Ängste zu überwinden. Ich glaube, das bahnbrechende
Ereignis in dieser Hinsicht war unsere Mitgliedschaft in der NATO. In dankbarer
Erinnerung bewahren wir somit die Bemühungen aller Regierungen der
Bundesrepublik zugunsten unseres EU-Beitrittes und der Mitgliedschaft im
Nordatlantikpakt. Ministerpräsident Jan Krzysztof Bielecki sagte damals, dass
„der Weg Polens nach Europa über Berlin führt“.
Ich habe die äußere Dimension der
europäischen Herausforderung erwähnt. Und worin bestand ihre innere Dimension?
Den Beitritt zur EU behandeln wir nicht nur als Chance zu einer Modernisierung
Polens. Die Wahl Europas ist auch die natürliche Konsequenz davon, sich für die
Idee von Polen als einer „Brücke“ zu entscheiden.
Was verstehe ich darunter? Um den
Sachverhalt darzustellen, sollten wir für einen Moment auf die Geschichte
zurückgreifen. Wir haben hier zwei Ideen polnischer Identität, die das
Gegensatzpaar „Vormauer“ und „Brücke“ beschreibt. Beide Begriffe sind Gebilde
des 19. Jahrhunderts, obwohl sie bis heute wirken. „Vormauer“ hängt mit einem
stammesmäßigen Verständnis von Nation zusammen. Polen wird als belagerte
Festung behandelt, was eine große Widerstandskraft hat, aber zugleich
misstrauische Haltungen voller Traumata und Komplexe formt, unaufhörlich auf
der Suche nach äußeren und inneren Feinden. Die Idee der „Brücke“ hängt
wiederum zusammen mit der multiethnischen und multikonfessionellen Tradition
der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik, mit ihrer republikanischen Demokratie
und praktizierten Toleranz. Es ist dies ein offenes Polen, das Ideen und
Institutionen von Europa übernimmt, zugleich aber mit den eigenen nach Europa
ausstrahlt. In diesem Sinne stellt es eine Brücke zwischen West und Ost dar,
die Identifizierung mit einer solchen Idee des Polentums befreit wiederum
von Komplexen der Minderwertigkeit und
Bedrohung.
Die im Jahre 1989 vorgenommene Wahl war
also – ich wiederhole es – nicht nur eine Wahl des Entwicklungsweges, sondern
auch eine Entscheidung für Polen als ein Bindemittel, und nicht als eine
Konfrontationsraum – als eine „Brücke“ eben –, was eine wirkliche, nicht nur
taktische Verständigung mit den Nachbarn präjudizierte.
Insbesondere denke ich hier an die
Verständigung von Polen und Deutschen, die sich trotz der tragischen
Vergangenheit vollzog. Diese große psychologische und moralische Wende konnte
sich nur unter den Bedingungen von Freiheit und Demokratie vollziehen.
Polen-Deutschland nach 1989
Im vergangenen Jahr jährte sich zum 15. Mal
die Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages über gute Nachbarschaft und
freundschaftliche Zusammenarbeit –
leider ohne ein Echo. Dabei brachte dieser Vertrag – hier bediene ich
mich der von Władysław Bartoszewski geäußerten Bewertung – die
historischen Vorfälle in den deutsch-polnischen Beziehungen zum Abschluss oder
schuf die Rahmenbedingungen dafür.. Des Weiteren steckte er die Richtung für
die Zukunft ab, er schuf die Grundlagen für eine deutsch-polnische
Interessengemeinschaft im sich vereinigenden Europa, wie es Krzysztof
Skubiszewski, der erste Außenminister des souveränen Polens, ausgedrückt hat.
Mehr noch, – ich erinnere hier an die Worte Władysław Bartoszewskis –
eben in diesem Vertrag tauchte zum ersten Mal in einem Dokument von
juristischem Gewicht die Verpflichtung eines der damaligen Mitgliedsstaaten der
(damals noch) EG auf, die Bestrebungen zur Mitgliedschaft von Staaten der neuen
Demokratie der Region Mitteleuropas zu unterstützen. So wurden in diesem
Vertrag Sicherheitsklauseln formuliert, um den Staaten den Weg zu einer
zukünftigen Mitgliedschaft in den euroatlantischen Strukturen zu eröffnen (zur
Erinnerung: als der Vertrag ausgehandelt wurde, existierte noch die Sowjetunion
und die Rote Armee war in der Region stationiert).
Das bewies, dass beim Aufbau der Beziehungen zwischen dem
vereinigten Deutschland und dem demokratischen Polen eine eindeutige
richtungweisende Vision existierte. Polen und Deutsche haben eine gute
Perspektive für das Zusammenleben in Versöhnung und Verständigung,
eingeschrieben in die Strukturen der europäischen Integration und der
euroatlantischen Sicherheit. Deshalb werde ich mich bei meiner Antwort auf die
heutige Abkühlung der gegenseitigen Beziehungen kurz fassen: die Staatsräson
unserer beiden Länder spricht dafür, dass die Politik Warschaus und Berlins die
politische Botschaft, die die deutsch-polnische Verständigung im Jahre 1991
gestiftet hat, erneuert. Die in diesem Geiste geführten Gespräche werden viele
Entscheidungen verlangen, deren Summe sich – wie ich glaube – zu einer großen
Entscheidung fügen wird.
Was für eine EU brauchen die Polen?
Die Idee einer Vereinigung Europas war vor
allem ein großes politisches Projekt. Das Ziel dieses Projektes war von Anfang
an klar, die Integration sollte dauerhaften Frieden und Demokratie, die
Verbreitung von Rechten und Chancengleichheit, später auch Wohlstand
gewährleisten. Bekanntlich eröffnete die
Bildung der Gemeinschaft auch eine neue Epoche in den Beziehungen
zwischen den Staaten unseres Kontinents. Die Einsetzung einer Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft bedeutete doch ein Ablehnen der bisher in den gegenseitigen
Beziehungen dominierenden Denkweise, wonach über die Dauerhaftigkeit der
europäischen Ordnung das Abgrenzen der Interessen entschied; je deutlicher sie
voneinander abgegrenzt waren, desto dauerhafter schien das Fundament der
Ordnung in Europa zu sein. Von nun an wurde dem Gemeinsamen der Vorzug gegeben.
Das Partikulare sollte den Platz räumen für den Grundsatz der Solidarität.
Außerdem habe ich viele dieser Überlegungen in der im März dieses Jahres
verabschiedeten Berliner Erklärung des EU-Gipfels wieder gefunden.
Heute besteht die Europäische Union aus 27 Staaten – unter ihnen ist auch mein Land. Für die Generation, die ich repräsentiere, bedeutete jedoch Polens Beitritt zur Union, nicht nur eine Ergänzung Europas um die Länder, die bis 1989 unter sowjetischer Dominanz verblieben waren, sondern auch die Verwirklichung unseres Traumes von Freiheit und Demokratie, er bedeutete zudem, dass der Fatalismus der geopolitischen Lage für nichtig erklärt wurde. Der Beitritt war noch aus einem Grund so gewichtig , weil er die Zukunft Polens mit der Zukunft der Demokratie und der Zukunft Europas verband. Polen kann nämlich entweder europäisch sein oder – moskowitisch. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Seit dem 18. Jahrhundert hat sich in dieser Hinsicht nichts geändert.
Was für eine Gemeinschaft braucht Europa?
Heute spricht alles für ein gänzliches
„Eintauchen“ Polens in die Union. Zwar ist es nicht meine Absicht, an dieser
Stelle auf Detailfragen Bezug zu nehmen, aber man sollte die Aufmerksamkeit auf
einige Prämissen richten, die eine Antwort auf die Frage, was für eine Union
die Polen brauchen, aber auch, was für eine Gemeinschaft – unserer Meinung nach
– heute Europa braucht, berücksichtigen muss. Ich beziehe mich hier auf die
Hinweise Władysław Bartoszewskis, Hinweise, die für mich ein
Wegweiser in diesem Bereich bleiben. Er äußerte sie bei der feierlichen
Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Marburg an ihn im Jahre 2001.
Er sagte damals, die Union brauche nicht nur neue Strukturen und
Entscheidungsmechanismen, sondern vor allem eine neue Vision, und somit
Lösungen, die den gemeinsamen Werten untergeordnet werden.
Erstens, Europa als Katalog der gemeinsamen
Werte des Westens. Zwangsläufig sprechen wir, wenn wir nach diesem Katalog
fragen, von der europäischen Identität. Für manche bleibt dieser Begriff eine
leere rhetorische Figur, aber nicht für mich. Für mich ist diese Identität nicht ein für allemal gegeben, sondern
braucht Bestätigungen, ja sogar Verteidigung. Ja, ich vertrete sogar den
Standpunkt, dass das europäische „wir“ sowohl aus dem Bewusstsein dessen, was
Europa verbunden hat, besteht, als auch aus der Erinnerung daran, was es
getrennt hat. Aus all dem, was ich bisher gesagt habe, geht folglich eines
hervor: die Union kann sich nicht damit zufrieden geben kann, sich selbst nur
als politische Gemeinschaft zu definieren. Zur Vergangenheit gehört das Kapitel
der Integration, als es um die Öffnung des Marktes ging, zunächst des
gemeinsamen, dann des einheitlichen. Seit dem Vertrag von Maastricht geht es
darum, eine bislang unbekannte Symbiose von Staaten zu errichten. Bis 1992
spielte sich die Zukunft der Integration im Bereich der Wirtschaft ab. Seit
diesem Datum erfolgt sie vor allem im Bereich von Politik und Symbolen,
Gedächtnis und Ritualen. Wir stehen somit vor der Chance, die bisherige
politische Gemeinschaft um die kulturelle Dimension zu ergänzen, das bisherige
Denken in den Kategorien von Recht und Vorschriften um die Kategorien Identität
und Gedächtnis zu bereichern. Ich denke hierbei nicht nur an eine Bereicherung
der Identität der Gemeinschaft um ihre mitteleuropäische Dimension, sondern vor
allem um die Einbeziehung der Erfahrung des kommunistischen Totalitarismus in
das historische Bewusstsein des Westens.
Zweitens, die demokratische Legitimation.
Wenn wir die Direktive ernst nehmen, die von einer größeren Geschlossenheit der
Union spricht, dann reicht heute der Slogan „Den Bürger ansprechen“ nicht mehr
aus. Bekanntlich änderte sich nach dem Vertrag von Maastricht auch das Ziel,
das die europäische Integration ansteuert, und somit auch ihr Charakter selbst
grundlegend. Ausdruck dessen war die neue Bezeichnung „Europäische Union“
anstelle von „Europäische Gemeinschaft“. Einst haben wir von einem
„Staatenbund“ gesprochen, in Zukunft werden wir vielleicht von einem
„Bundesstaat“ reden, von den „Vereinigten Staaten von Europa“ (wenn das auch
gegenwärtig ein absolut unrealistisches Ziel ist). Heute haben wir es
eigentlich mit einem gleichsam Zwischen- und präzedenzlosen Gebilde zu tun,
einem Gebilde, das nicht in den anerkannten Kategorien der politischen Theorie
enthalten ist, einem Gebilde, das wir als Föderation und Bund souveräner
Staaten zugleich beschreiben. Daraus kann man schließen, dass eine
Freihandelszone jene immaterielle Machtquelle nicht brauchte, die
„legitimierender Glaube“ genannt wurde. Dagegen ist eine durch die starke
Identität des Westens zusammengehaltene politische Union ohne eine solches
Fundament nicht in der Lage zu entstehen und zu erstarken.
Drittens: die Solidarität. Die Europäische
Gemeinschaft, und später die Union, haben sich immer auf die Idee der
Solidarität berufen. Für uns bleibt sie aus Gründen besonders wichtig, die
offensichtlich und verständlich sind. Deshalb sprechen wir uns für das Prinzip
der Solidarität aus, damit es innerhalb der Union zur Norm wird, zu einem
Modell, das einst vielleicht sogar willkürlich aufgezwungen, aber von da an als
Muster verwendet wurde. Wir teilen auch die Überzeugung, dass die Union eine
gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik braucht. Ich weise deshalb auf die
Notwendigkeit hin, Europa eine größere – innere und äußere – Einheit zu
verleihen. Uns liegt besonders an einer Stärkung der Solidaritätsklausel der
Mitgliedsstaaten. Insbesondere betrifft das die Kooperation im Energiebereich,
was es zu verhindern erlauben würde, von Russland in eine getrennte
Energiezusammenarbeit der einzelnen EU-Staaten hineingezogen zu werden.
Die Notwendigkeit einer neuen Sprache
zwischen Polen und Deutschland
Kommen wir zum Schluss noch einmal auf die
deutsch-polnischen Beziehungen zurück. Ich bin mir dessen bewusst, dass die
Zeit der Politik der Gesten vorbei ist. Die große Öffnung, die Helmut Kohl und
Tadeusz Mazowiecki in Kreisau vollzogen haben, wird in den gegenseitigen
Beziehungen als Wegweiser für die Zukunft gelten. Heute ist jedoch die Zeit der
Interessenpolitik gekommen. Im Geiste jenes Ereignisses müssen wir uns deshalb
über die Dinge unterhalten, die uns trennen. Man kann den Stil oder die
Effizienz der Außenpolitik ändern, aber die Probleme in den gegenseitigen
Beziehungen verschwinden nicht nur deswegen, weil sich die Regierungsmannschaft
in Warschau oder Berlin ändert. Deshalb werden wir auch Entscheidungen nicht
akzeptieren, die eine fundierte historische Bilanz in Bezug auf den Zweiten
Weltkrieg in Zweifel ziehen. Ich werde darüber mit Angela Merkel sprechen. Ich
weiß: sowohl der Präsident als auch der Kanzler der Bundesrepublik haben sich
eindeutig negativ zu den Ansprüchen der Vertriebenen geäußert. Es geht darum,
dass sie dies auch weiterhin tun. Genauso wichtig ist es, dass die Pläne zur
Realisierung des „Zentrums gegen Vertreibungen“ endgültig aufgegeben werden. In
all diesen Fragen werde ich Befürworter unserer Haltung suchen.
Eine andere Angelegenheit, die uns trennt,
bleibt die Erdgaspipeline durch die Ostsee. Das ist ein schlechtes Erbe der
Regierung Schröder. Es gibt von unserer Seite keine Zustimmung für die
Entwicklung einer Infrastruktur, die das Monopol Russlands bei der Lieferung
von Energierohstoffen stärkt. Ich habe mich darüber mit dem Vorsitzenden der
EU-Kommission José Manuel Barroso unterhalten und muss zugebenx, dass für eine
immer größere Zahl europäischer Politiker das deutsch-russische Energiebündnis
nicht nur ein polnisches, sondern auch ein europäisches Problem zu sein
beginnt.
Wenn ich also die Zielrichtungen der
polnischen Außenpolitik zusammenfassen sollte, würde ich Folgendes sagen: ihre
Fundamente werden von allen politischen Kräften seit 1989 akzeptiert, sie
müssen sich also auf ähnliche Prinzipien stützen. Erstens: möglichst gute
Beziehungen mit den Nachbarn, zweitens: eine starke Position Polens in der
Europäischen Union sowie drittens: eine aktive Präsenz in der NATO.
Aus dem Polnischen von Markus Krzoska
Donald
Tusk