Die deutsch-polnische Versöhnung ist für mich eines der wichtigsten Ereignisse, die in meinem Leben stattgefunden haben und zugleich einer der Bausteine, die die europäische Gemeinschaft begründen.
Ich denke heute an die Augenblicke, in denen wir auf deutscher Seite Verständnis gefunden haben, zum Beispiel als Frau Rita Süssmuth als Bundestagspräsidentin Ende der achtziger Jahre Vertreter der Solidarność in Bonn empfing. Im diesem Moment wusste noch niemand, wie sich das Schicksal unserer Völker und Europas entwickeln würde. Als am 1. September 1989, zum 50. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges von Seiten der Solidarność der Satz gesagt wurde, Polen brauche ein vereintes Deutschland, verkündete die kommunistische Partei ein paar Tage später in einem Brief an ihre Mitglieder, nunmehr habe sich die Solidarność auf den Weg des Verrats am eigenen Volk begeben. Meiner Meinung nach darf man die Geschichte nicht vergessen. Man muss sich an die Geschichte erinnern – auch dann, wenn sie für die einen oder für die anderen schmerzhaft ist, denn Geschichtsvergessenheit ist immer ein schlechter Ratgeber. Die Erinnerung aber dient vor allem dem Aufbau der Zukunft.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt besteht das Gefühl einer Interessengemeinschaft zwischen Polen und Deutschland unverändert fort. Wir erwarten als Bürger des einen wie des anderen Landes, dass die Regierungen imstande sind, in Gespräch und Dialog alle wichtigen Angelegenheiten zu regeln. Das betrifft die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft, beispielsweise die Frage, wie Polen und Deutsche ihre Energieversorgung sicherstellen können. Wir müssen nicht mit einer Stimme sprechen, aber vielleicht können wir miteinander darüber reden, wie die Leitungen verlaufen sollten, durch die die Energie fließen soll? Vielleicht werden wir auch einen Dialog führen, bei dem wir überlegen, wie wir es hinbekommen, damit niemand, weder in Deutschland noch in Polen, das Gefühl hat, sein Recht auf die geschichtliche Erinnerung werde verletzt.
Wir verstehen den Schmerz derjenigen, die gelitten haben. Wenn wir daher an die Zukunft denken, dürfen wir nicht vergessen, dass die deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg ideologisch missbraucht wurden, indem sie gewollt schlecht sein sollten, um die Polen aufgezwungene Macht zu legitimieren. Als die polnischen Bischöfe in ihrem denkwürdigen Brief an die deutschen Amtsbrüder den Satz aussprachen „Wir vergeben und bitten um Vergebung“, löste dies eine riesige Kampagne gegen die polnische Kirche aus. Dieser Satz wurde als Akt des Landesverrats angesehen, weil das Modell der deutsch-polnischen Beziehungen auf dem Hass der Vergangenheit gebaut war, an dem sich auch in der Zukunft nichts ändern sollte.
Als die Bischöfe die Worte der Versöhnung aussprachen, schien dies nur Rhetorik zu sein. Aber gerade die Aussage der polnischen Bischöfe wurde zur Gestaltungsgrundlage polnischer Politik. Das Friedenszeichen, das Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und Bundeskanzler Helmut Kohl am 12. November 1989 in Kreisau austauschten, hatte vor dem Hintergrund der Erinnerungen an Helmut James von Moltke symbolische Aussagekraft. Nach diesem symbolischen Treffen schwenkten die Diplomaten auf den Weg partnerschaftlicher Verständigung ein. Die beiden Verträge, die zwischen Polen und Deutschland unterzeichnet wurden, machten deutlich, dass beide Staaten den gemeinsamen Willen hatten, in Frieden zu leben.
Ich möchte unseren deutschen Freunden sagen, wir gut wir uns daran erinnern, welche Hilfe wir in den achtziger Jahren erhalten haben. Polnische Familien bekamen Pakete von deutschen Familien, auch die Untergrund-Solidarność erhielt große Unterstützung von Seiten der deutschen Gesellschaft und deutscher Institutionen. Wir haben auch nicht vergessen, dass Polen seinen politischen Traum einer Rückkehr in die europäischen und transatlantischen Strukturen verwirklichen konnte, in denen es seinen natürlichen Platz hat, dank der Unterstützung der deutschen Gesellschaft und der Bemühungen der deutschen Regierung, die in schwierigen Momenten den Mut und die Kraft hatte zu sagen, eine Erweiterung der EU und NATO sei ohne Beteiligung Polens nicht denkbar.
Wir denken daran, empfinden Dankbarkeit und bitten unsere deutschen Freunde, sich auch daran zu erinnern, dass vielleicht der erste Stein aus der Berliner Mauer von polnischen Arbeitern, durch die Bewegung von Lech Wałęsa herausgebrochen wurde, denn gerade diese Bewegung hat gezeigt, wie sehr Polen sowohl das vereinigte Deutschland als auch das geeinte Europa braucht.
Wir wünschen uns auch, unsere deutschen Freunde mögen manchmal daran denken, dass die Solidarność im Jahr 1989, als sie ihre Gespräche am Runden Tisch mit den Machthabern der Volksrepublik Polen begann, bewiesen hat, dass ein System auf friedliche Weise verändert werden kann.
Vor kurzem war ich in Südafrika und hörte dort Worte, die sehr viel für mich bedeuteten. Für Nelson Mandela und die Menschen, die mit ihm zusammen gekämpft haben, war das Beispiel der friedlichen polnischen Verhandlungen von enormer Bedeutung, denn es gab ihnen die Hoffnung, man könnte fast alles verändern, wenn man auf den starken Willen der Gesellschaft setzt, auf das Streben, eine Lösung zu finden, bei der menschliches Leid verringert wird und Hoffnungen und Vorteile groß sein werden.
Wenn wir darum bitten, sich zu erinnern, geht es sicher nicht um die Suche nach einem eigenen, besonderen Platz in Europa, sondern vor allem um die Suche nach Europa als Gemeinschaft. Jede Gemeinschaft hat eine Erinnerung. In der Geschichte der europäischen Freiheit hat Polen seinen Platz. So wie dort auch Bewegungen wie die vom Juni 1953 in Ost-Berlin ihren Platz haben und alle anderen, die die Freiheit in ganz Mitteleuropa aufrechterhielten. Die Wurzeln der europäischen Idee stecken im Geist der Freiheit. Europa, dieses Projekt des Friedens, muss die Erinnerungen daran wach halten, welches die grundlegenden Werte sind, die uns miteinander verbinden.
Als Bürger und Mensch, der davon geträumt hat, sein Land möge unabhängig werden, meine ich, dass Polen, wie vielleicht kein anderes Land der EU, eine starke Europäische Union braucht. Wir brauchen eine starke EU, weil nur eine solche EU solidarisch sein wird. Solidarisch auch mit denen, denen die Geschichte übel mitgespielt hat. Nur eine starke EU mit reformierten Institutionen und einem neuen verfassungsmäßigen Rahmen, kann Polen helfen und Europa vollenden. Das ist für mich die Botschaft und zwar eine sehr polnische Botschaft. Wir alle glauben, Politik sei eine Sache des Verstandes, aber wir wissen, Politik werde auch manchmal durch das einfache Gefühl einfacher Menschen bewegt. Eingedenk unserer eigenen Geschichte sagen wir, dass Europa solidarisch sein muss, um ein starker und ernstzunehmender politischer Partner in der Welt sein zu können. Und um solidarisch zu sein, auch gegenüber den Schwachen, auf dem Weg zur Modernisierung, auf dem Weg zu modernen Standards, schließlich auch, um erfolgreich sein zu können, muss Europa ein Bewusstsein für die Erinnerung an die Vergangenheit als etwas Verbindendes entwickeln. Die Geschichte ist das Bindemittel aller Gemeinschaften, angefangen bei der Familie.
Notwendig für eine gemeinsame Sicht der Vergangenheit ist der Platz für so einfache Worte wie DIALOG, ich zitiere den Namen einer wichtigen deutsch-polnischen Zeitschrift, die auch eine wichtige Institution des öffentlichen Lebens ist. Polen und Deutschland, Polen und Deutsche brauchen den Dialog jetzt, da Schwierigkeiten und Probleme auftauchen – dafür sind Politiker da, um auf dem Wege des Dialogs Probleme zu lösen und Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen.
Meiner Überzeugung nach ist das Projekt der Stiftung „Pogranicze“ mit Sitz in Sejny und Suwałki, Preisträger des diesjährigen DIALOG-Preises des Bundesverbandes der Deutsch-Polnischen Gesellschaften, eine sehr schöne Sache. In Suwałki stellte ich mich im Frühjahr 1989 zum ersten Mal zur Wahl und wurde Abgeordneter der Solidarność für den Sejm. Die Stiftung „Pogranicze“ spricht davon, wie Polen im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht, eine Gemeinschaft zu schaffen, die anderen gegenüber offen ist, indem es das Recht verschiedener Minderheiten auf ihre eigene Tradition und Identität akzeptiert und auf diese Weise Europa dient.
Ich schließe meine Rede mit dem Gedanken eines Historikers. Meiner Ansicht nach wurde bereits all das geleistet, was das Wichtigste in den deutsch-polnischen Beziehungen ist. Vor kurzem habe ich in Straßburg eine Schülerdelegation empfangen. Sie kamen aus Deutschland, Frankreich und Polen. Sie kamen gemeinsam. Es war das Weimarer Dreieck, umgesetzt in konkretes Handeln. Sie sprachen und dachten ähnlich. Und die Fragen, die sie stellten, teilten sie nicht in unterschiedliche nationale Lager. Dieses Treffen war für mich ungeheuer befriedigend. Ich dachte darüber nach, wie dies, was wir im Moment zwischen Polen und Deutschland tun, Europa dient. Und vielleicht erinnert das an einen bestimmten Augenblick in der polnischen Geschichte, von dem weniger gesprochen wurde, als von Momenten deutsch-polnischer Konflikte.
In den Anfängen des polnischen Staates, als Otto III. das Grab des heiligen Adalbert besuchte, schreibt der sächsische Chronist Widukind von Corvey über den historisch ersten polnischen Herrscher Mieszko, er sei ein Freund Ottos I., des Großen, gewesen. Und später schrieb Thietmar von Merseburg über Bolesław Chrobry, er sei ein Bruder und Mitstreiter des Kaisers gewesen. In der Politik spielen sicherlich Interessen die Hauptrolle. Aber Zusammenarbeit, Freundschaft und Brüderlichkeit, die die Zeugnisse der Chronisten bestätigen, haben ihre Bedeutung. Man kann auch sagen, positive Emotionen seien den Interessen förderlich. Ich wünsche mir, dass zwischen Polen und Deutschen nicht nur ein Gefühl der Interessengemeinschaft existiert, obwohl diese am wichtigsten ist, sondern auch eine emotionale Bindung, die unser Vertrauen zueinander ausdrückt. Wenn wir Vertrauen haben, werden wir alle Herausforderungen der Zukunft bewältigen.
Aus dem Polnischen von Ulrich Heiße
Bronisław Geremek, Professor der Geschichtswissenschaften, Mediävist, 1997-2000 Außenminister der Republik Polen, seit 2004 Abgeordneter des Europäischen Parlaments.