Krzysztof Czyzewski

Krzysztof Czyzewski
 

Das Geheimnis des Funktionierens kleiner Zahlen

Dankesrede des Vorsitzenden der Stiftung „Pogranicze“ 

Ich bin durch die heutige Feier sehr bewegt und möchte betonen, dass ich mich zusammen mit Ihnen hier in Berlin sehr wohl fühle. Ich denke dabei an den gestrigen Abend, an die Feier zum 20. Geburtstag ihres Verbandes, als ich Zeuge einer solchen Arbeit war, die zu tun wir in Sejny träumen. Ich spreche von einem ungewöhnlichen Dialog von Menschen aus der Politik aus Polen und Deutschland auf dieser Berliner Agora. Von Menschen, die Worte für ein Gespräch suchten, das ihre partikularen Interessen, Voreingenommenheiten und politischen Verpflichtungen überwunden hat. Indem es die Unterschiede in unseren kulturellen Identitäten und historischen Perspektiven respektierte, eröffnete das gestrige Gespräch den Raum für eine Begegnung, bei der das, was verbindet, was gemeinsam ist, zum Ausdruck kam. Heutzutage ist es wahnsinnig schwierig, das zu artikulieren.

 

Ich muss sagen, dass ich aus der Laudatio von Robert Traba, die unsere Arbeit so wunderschön beschreibt, zum ersten Mal etwas über einige Kontexte der Tätigkeit von „Pogranicze“ und mögliche Interpretationen erfahren habe. Es ist sehr schwer, aus den gegenseitigen Interdependenzen und Vernetzungen unserer heutigen Welt, die uns so verschiedene Menschen immer mehr annähert, diese unsere gemeinschaftlichen und nichtkonfrontativen Aspekte herauszuholen. Ich denke hier an eine gute Erinnerung, an den Raum der Begegnung, den wir bei uns in Sejny Agora nennen, an das Bindegewebe, das die Gemeinschaft des Grenzraums zusammenfügt und das Rohmaterial einer jeden Zivilisation ist.

 

Ich freue mich sehr, dass Robert Traba in seinen Ausführungen so stark die Bedeutung des Wortes in unserer Arbeitspraxis betont hat. Es ist eines der grundlegenden Instrumente in der Werkstatt des Brückenbauens, die wir uns zu perfektionieren bemühen. Die vieljährige Erfahrung der Arbeit in einer Grenzregion hat uns gelehrt, dass eines der wichtigsten Probleme, mit denen wir fertig zu werden versuchen, das Verschwinden der Sprache des Dialoges ist, der die Menschen darin heimisch macht, was gemeinsam ist. Unsere Arbeit besteht sehr oft darin, die infolge der tragischen Geschichte des 20. Jahrhunderts vergessene Sprache wieder herzustellen, sie wieder in Erinnerung zu rufen, die Wörter wieder zu gewinnen, die sie einst verbunden haben. Zweifellos waren in unserer Tradition Grenzraum und Ethos des Grenzraums solche Worte. Ein Ethos, das gerade in der Sprache stark verwurzelt ist.

Ich erinnere mich sehr gut daran, wo ich die erste Lektion in Sachen Sprache des Grenzraums erhalten habe. Das geschah nicht in Sejny, sondern in Czernowitz, in Czerniowcy, Černauti oder in Tscherniwzi wie man heute in der Ukraine sagt. In dieser alten Hauptstadt der Bukowina gab es über viele Jahrzehnte die am meisten nach Osten vorgeschobene Universität in deutscher Sprache. Dort traf ich Leute, die mir, als sie mich durch die Stadt führten, verschiedene Gotteshäuser zeigten. Beim ersten sagten sie: „Das ist unsere Synagoge.“ Als ich das hörte, dachte ich mir anfangs, dass sie Juden sind. Aber einige Schritte weiter sagten sie: „und das hier ist unsere katholische Kirche“, „und das da unsere orthodoxe Kirche“, „und das unsere protestantische Kirche“, „das hier ist unsere Moschee …“ Ich verstand ihre Sprache nicht, ich wusste nicht, wer sie sind: Relativisten? Anhänger der Postmoderne? Ob sie vielleicht ein Problem mit ihrer Identität haben? – fragte ich mich in Gedanken. Denn schließlich hat man doch nur ein „eigenes“ Gotteshaus. Dass sie so redeten, bedeutete jedoch keineswegs, wovon ich mich später überzeugen sollte, dass sie kein solches „eigenes“ Gotteshaus besaßen. Sie fühlten sich vielmehr als Verwalter der Ganzheit der Stadt, die sie bewohnten, als Erben ihrer reichen, multikulturellen Tradition, und nicht nur eines ihnen aus Gründen der Sprache oder der Konfession zugeschriebenen kleinen Teiles davon. Und deshalb besaß ihre Sprache etwas, was wir in Sejny erst langsam erlernten und weiterhin lernen: dass es uns gehört – die Synagoge, um die wir uns kümmern, die Protestanten, über die wir kürzlich in Sejny eine Ausstellung gemacht haben, der vergessene jüdische Friedhof, auf dem wir gemeinsam mit den Einwohnern ein Denkmal errichtet haben, die verschwindende Kultur der Altgläubigen, die Erzählungen über die Zigeuner, die wir von älteren Einwohnern hören, die Erinnerung an den Nachbarschaftskrieg der Polen und der Litauer … Damit all das unser wird, muss es ausgedrückt werden – durch das Wort, die Tat und das Gedenken.

Ich danke für diese für uns so wichtige Auszeichnung und möchte Ihnen noch ein Geheimnis dieses Handwerkes verraten, das wir nach wie vor lernen und langsam auch anderen weiterzugeben versuchen, des Handwerks des Brückenbauens, nämlich das Geheimnis der kleinen Zahl. Wir sind Menschen einer kleinen Zahl, hier und jetzt, in einer Welt, in der die große Zahl sowie der Glaube daran dominieren, die einzig geltende Handlung sei eine solche, die sich in eine große Zahl vervielfältigt. Wir haben uns dafür entschieden, in einem kleinen Städtchen zu leben, weit weg vom Zentrum – wie Robert Traba gesagt hat, kommt man manchmal nur schwer dorthin – und Tag für Tag mit einer Handvoll Menschen zu arbeiten, jetzt schon sechzehn Jahre lang. Wir haben nie große Festivals organisiert, keine Unternehmungen verwirklicht, die größere Gruppen von Menschen umfasst hätten oder andere große Zahlen. Zu den Geheimnissen dieses Handwerks gehört das Wissen darüber, dass die wahre, auslösende Energie zum Aufbau des Bindegewebes der Zivilisation und ihrer geistigen Kultur aus der kleinen Zahl erzeugt wird. Diese aber braucht Intimität, Konzentration auf den einzelnen Menschen, auf eine nicht zu große Gemeinschaft, auf einen konkreten Ort, eine Konzentration auf den Anderen, der so nah ist, dass es weh tut. Der organische Charakter dieser Arbeit, ihr Eintauchen in den Prozess der longue durée (langen Dauer) und ihre fühlbare Realität machen sowohl den Ort als auch den Menschen, der dort wohnt, offen. Falsch ist die Überzeugung, dass die kleine Zahl begrenzt und isoliert, wie auch die Vermutung nicht stimmt, dass die große Zahl annähert und mitverantwortlich macht. Der Zustand der demokratischen Gesellschaft, über den wir uns in letzter Zeit so viele Sorgen machen, verschlechtert sich, wenn alle der Kampf um eine große Zahl an Stimmen beherrscht, die über die Wahl unserer Regierung und der Politiker entscheiden; der aber gleichzeitig nicht von einer Entwicklung der demokratischen Kultur begleitet wird, die jedes Individuum und seine unumstößliche Wichtigkeit, die Wesentlichkeit auch nur des geringsten Werkes von ihm, seine kleinste unternommene Aktion wertschätzt. Ohne den Glauben daran, dass das Kleinste den größten Sinn macht, lässt sich eine demokratische Kultur nicht aufbauen. Aber damit das funktioniert, muss es Menschen, Organisationen und Autoritäten geben, die das, was ganz klein ist, in den Rang des Wesentlichen erheben. Denn das ist das Geheimnis des Funktionierens kleiner Zahlen: sie werden dadurch groß, dass ihnen Menschen eine andere Dimension verleihen.

Das, was ihr heute gemacht habt, nämlich uns, dem kleinen Team von Leuten aus dem kleinen Sejny, den DIALOG-Preis zu verleihen, ist meiner Überzeugung nach außer all dem anderen, außer der Ehre für uns, eine wesentliche Arbeit für die demokratische Kultur. Ihr habt etwas nicht Großes zu schätzen gewusst und aus einer kleinen Zahl eine größere gemacht. Für diesen Mut und die Empathie danke ich allen Menschen des Dialogs sehr herzlich. Für uns ist das eine große Herausforderung, mir ist nämlich sehr wohl das klar, wovon Robert Traba gesprochen hat, das es nämlich kein abgeschlossenes Werk ist, denn zu einem hohen Maße haben wir es noch nicht vollendet. Und seine Worte sowie der DIALOG-Preis skizzieren uns den Horizont dessen, was noch gemacht werden sollte. Ich verspreche, dass wir Paul Celans Verständnis der U-topie treu bleiben und nicht aufhören werden, nach einem Ort zu streben, an dem wir nie ausruhen können.

 

Aus dem Polnischen von Markus Krzoska

 

Krzysztof Czyzewski ist Vorsitzender der Stiftung „Pogranicze“ in Sejny.