Ich bin durch die heutige Feier sehr bewegt und
möchte betonen, dass ich mich zusammen mit Ihnen hier in Berlin sehr wohl
fühle. Ich denke dabei an den gestrigen Abend, an die Feier zum 20. Geburtstag
ihres Verbandes, als ich Zeuge einer solchen Arbeit war, die zu tun wir in
Sejny träumen. Ich spreche von einem ungewöhnlichen Dialog von Menschen aus der
Politik aus Polen und Deutschland auf dieser Berliner Agora. Von Menschen, die
Worte für ein Gespräch suchten, das ihre partikularen Interessen,
Voreingenommenheiten und politischen Verpflichtungen überwunden hat. Indem es
die Unterschiede in unseren kulturellen Identitäten und historischen
Perspektiven respektierte, eröffnete das gestrige Gespräch den Raum für eine
Begegnung, bei der das, was verbindet, was gemeinsam ist, zum Ausdruck kam.
Heutzutage ist es wahnsinnig schwierig, das zu artikulieren.
Ich muss sagen, dass ich aus der Laudatio von
Robert Traba, die unsere Arbeit so wunderschön beschreibt, zum ersten Mal etwas
über einige Kontexte der Tätigkeit von „Pogranicze“ und mögliche
Interpretationen erfahren habe. Es ist sehr schwer, aus den gegenseitigen
Interdependenzen und Vernetzungen unserer heutigen Welt, die uns so
verschiedene Menschen immer mehr annähert, diese unsere gemeinschaftlichen und
nichtkonfrontativen Aspekte herauszuholen. Ich denke hier an eine gute
Erinnerung, an den Raum der Begegnung, den wir bei uns in Sejny Agora nennen,
an das Bindegewebe, das die Gemeinschaft des Grenzraums zusammenfügt und das
Rohmaterial einer jeden Zivilisation ist.
Ich freue mich sehr, dass Robert Traba in seinen
Ausführungen so stark die Bedeutung des Wortes in unserer Arbeitspraxis betont
hat. Es ist eines der grundlegenden Instrumente in der Werkstatt des
Brückenbauens, die wir uns zu perfektionieren bemühen. Die vieljährige
Erfahrung der Arbeit in einer Grenzregion hat uns gelehrt, dass eines der
wichtigsten Probleme, mit denen wir fertig zu werden versuchen, das
Verschwinden der Sprache des Dialoges ist, der die Menschen darin heimisch
macht, was gemeinsam ist. Unsere Arbeit besteht sehr oft darin, die infolge der
tragischen Geschichte des 20. Jahrhunderts vergessene Sprache wieder herzustellen,
sie wieder in Erinnerung zu rufen, die Wörter wieder zu gewinnen, die sie einst
verbunden haben. Zweifellos waren in unserer Tradition Grenzraum und Ethos des
Grenzraums solche Worte. Ein Ethos, das gerade in der Sprache stark verwurzelt
ist.
Ich erinnere mich sehr gut daran, wo ich die erste
Lektion in Sachen Sprache des Grenzraums erhalten habe. Das geschah nicht in
Sejny, sondern in Czernowitz, in Czerniowcy, Černauti oder in Tscherniwzi
wie man heute in der Ukraine sagt. In dieser alten Hauptstadt der Bukowina gab
es über viele Jahrzehnte die am meisten nach Osten vorgeschobene Universität in
deutscher Sprache. Dort traf ich Leute, die mir, als sie mich durch die Stadt
führten, verschiedene Gotteshäuser zeigten. Beim ersten sagten sie: „Das ist
unsere Synagoge.“ Als ich das hörte, dachte ich mir anfangs, dass sie Juden
sind. Aber einige Schritte weiter sagten sie: „und das hier ist unsere
katholische Kirche“, „und das da unsere orthodoxe Kirche“, „und das unsere
protestantische Kirche“, „das hier ist unsere Moschee …“ Ich verstand ihre
Sprache nicht, ich wusste nicht, wer sie sind: Relativisten? Anhänger der
Postmoderne? Ob sie vielleicht ein Problem mit ihrer Identität haben? – fragte
ich mich in Gedanken. Denn schließlich hat man doch nur ein „eigenes“
Gotteshaus. Dass sie so redeten, bedeutete jedoch keineswegs, wovon ich mich
später überzeugen sollte, dass sie kein solches „eigenes“ Gotteshaus besaßen. Sie
fühlten sich vielmehr als Verwalter der Ganzheit der Stadt, die sie bewohnten,
als Erben ihrer reichen, multikulturellen Tradition, und nicht nur eines ihnen
aus Gründen der Sprache oder der Konfession zugeschriebenen kleinen Teiles
davon. Und deshalb besaß ihre Sprache etwas, was wir in Sejny erst langsam
erlernten und weiterhin lernen: dass es uns gehört – die Synagoge, um die wir
uns kümmern, die Protestanten, über die wir kürzlich in Sejny eine Ausstellung
gemacht haben, der vergessene jüdische Friedhof, auf dem wir gemeinsam mit den
Einwohnern ein Denkmal errichtet haben, die verschwindende Kultur der
Altgläubigen, die Erzählungen über die Zigeuner, die wir von älteren Einwohnern
hören, die Erinnerung an den Nachbarschaftskrieg der Polen und der Litauer … Damit
all das unser wird, muss es ausgedrückt werden – durch das Wort, die Tat und das
Gedenken.
Ich danke für diese für uns so wichtige
Auszeichnung und möchte Ihnen noch ein Geheimnis dieses Handwerkes verraten,
das wir nach wie vor lernen und langsam auch anderen weiterzugeben versuchen,
des Handwerks des Brückenbauens, nämlich das Geheimnis der kleinen Zahl. Wir
sind Menschen einer kleinen Zahl, hier und jetzt, in einer Welt, in der die
große Zahl sowie der Glaube daran dominieren, die einzig geltende Handlung sei
eine solche, die sich in eine große Zahl vervielfältigt. Wir haben uns dafür
entschieden, in einem kleinen Städtchen zu leben, weit weg vom Zentrum – wie
Robert Traba gesagt hat, kommt man manchmal nur schwer dorthin – und Tag für
Tag mit einer Handvoll Menschen zu arbeiten, jetzt schon sechzehn Jahre lang. Wir
haben nie große Festivals organisiert, keine Unternehmungen verwirklicht, die
größere Gruppen von Menschen umfasst hätten oder andere große Zahlen. Zu den
Geheimnissen dieses Handwerks gehört das Wissen darüber, dass die wahre,
auslösende Energie zum Aufbau des Bindegewebes der Zivilisation und ihrer
geistigen Kultur aus der kleinen Zahl erzeugt wird. Diese aber braucht
Intimität, Konzentration auf den einzelnen Menschen, auf eine nicht zu große
Gemeinschaft, auf einen konkreten Ort, eine Konzentration auf den Anderen, der
so nah ist, dass es weh tut. Der organische Charakter dieser Arbeit, ihr
Eintauchen in den Prozess der longue durée (langen Dauer) und ihre fühlbare
Realität machen sowohl den Ort als auch den Menschen, der dort wohnt, offen. Falsch
ist die Überzeugung, dass die kleine Zahl begrenzt und isoliert, wie auch die
Vermutung nicht stimmt, dass die große Zahl annähert und mitverantwortlich
macht. Der Zustand der demokratischen Gesellschaft, über den wir uns in letzter
Zeit so viele Sorgen machen, verschlechtert sich, wenn alle der Kampf um eine
große Zahl an Stimmen beherrscht, die über die Wahl unserer Regierung und der
Politiker entscheiden; der aber gleichzeitig nicht von einer Entwicklung der
demokratischen Kultur begleitet wird, die jedes Individuum und seine
unumstößliche Wichtigkeit, die Wesentlichkeit auch nur des geringsten Werkes
von ihm, seine kleinste unternommene Aktion wertschätzt. Ohne den Glauben
daran, dass das Kleinste den größten Sinn macht, lässt sich eine demokratische
Kultur nicht aufbauen. Aber damit das funktioniert, muss es Menschen,
Organisationen und Autoritäten geben, die das, was ganz klein ist, in den Rang
des Wesentlichen erheben. Denn das ist das Geheimnis des Funktionierens kleiner
Zahlen: sie werden dadurch groß, dass ihnen Menschen eine andere Dimension
verleihen.
Das, was ihr heute gemacht habt, nämlich uns, dem
kleinen Team von Leuten aus dem kleinen Sejny, den DIALOG-Preis zu verleihen,
ist meiner Überzeugung nach außer all dem anderen, außer der Ehre für uns, eine
wesentliche Arbeit für die demokratische Kultur. Ihr habt etwas nicht Großes zu
schätzen gewusst und aus einer kleinen Zahl eine größere gemacht. Für diesen
Mut und die Empathie danke ich allen Menschen des Dialogs sehr herzlich. Für
uns ist das eine große Herausforderung, mir ist nämlich sehr wohl das klar,
wovon Robert Traba gesprochen hat, das es nämlich kein abgeschlossenes Werk
ist, denn zu einem hohen Maße haben wir es noch nicht vollendet. Und seine
Worte sowie der DIALOG-Preis skizzieren uns den Horizont dessen, was noch
gemacht werden sollte. Ich verspreche, dass wir Paul Celans Verständnis der
U-topie treu bleiben und nicht aufhören werden, nach einem Ort zu streben, an
dem wir nie ausruhen können.
Krzysztof Czyzewski